Manche Namen bleiben mit einer ganzen Epoche verbunden – und mit ihren dunkelsten Nächten. Andreas Baader war nicht nur Mitbegründer der Roten Armee Fraktion, sondern auch der Mann, dessen Tod in der Stammheimer Todesnacht bis heute Fragen aufwirft – auf Basis von Gerichtsakten, historischen Quellen und Zeitzeugen rekonstruiert dieser Artikel sein Leben, seine Beziehung zu Gudrun Ensslin und die Widersprüche jener Oktobernacht 1977.

Gründungsjahr der RAF: 1970 ·
Todesdatum von Andreas Baader: 18. Oktober 1977 ·
Anzahl der Todesopfer in der Todesnacht: 3 ·
Selbstmord von Ulrike Meinhof: 9. Mai 1976

Kurzüberblick

1Wer war Andreas Baader?
2Die RAF und ihre Ziele
3Stammheim und die Todesnacht
4Nachwirkungen

Fünf Eckdaten, die das Profil von Andreas Baader umreißen – von der Geburt bis zum Tod. Jede Zahl steht für eine Etappe der Radikalisierung, die in der Todesnacht gipfelte.

Attribut Wert Quelle
Geburtsdatum 6. Mai 1943 Wikipedia
Todesdatum 18. Oktober 1977 LeMO / hdg.de
Mitbegründer der RAF 1970 Wikipedia
Todesursache Selbstmord durch Schuss LeMO / hdg.de
Gefängnis JVA Stuttgart-Stammheim Deutschlandfunk Kultur

Wer war Andreas Baader?

Frühes Leben und Werdegang

  • Geboren am 6. Mai 1943 in München als Sohn eines Historikers (Wikipedia).
  • Brach die Schule ab und arbeitete als Bauhilfsarbeiter (LeMO / hdg.de).
  • Mitte der 1960er Jahre schloss er sich der westdeutschen Studentenbewegung an (LeMO / hdg.de).

Baader wuchs in einem bildungsbürgerlichen Haushalt auf, doch das geregelte Leben war nichts für ihn. Seine Biografie liest sich wie ein Sprungbrett in den Untergrund.

Mitbegründer der RAF

  • 1970 gründete er gemeinsam mit Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und anderen die Rote Armee Fraktion (Wikipedia).
  • Die RAF verübte in den Folgejahren Banküberfälle, Brandanschläge und Entführungen (LeMO / hdg.de).
  • Baader galt als Kopf der militärischen Aktionen (Staatsanzeiger).

Die Radikalisierung vollzog sich rasant: Aus Diskussionen über Kapitalismuskritik wurden Waffen und Sprengstoff.

Verhaftung und Prozess

  • Baader wurde im Juni 1972 nach einer Schießerei in Frankfurt festgenommen (Wikipedia).
  • Der Stammheim-Prozess begann 1975 und dauerte 192 Tage (Staatsanzeiger).
  • Am 28. April 1977 wurde Baader zu lebenslanger Haft verurteilt (LeMO / hdg.de).

Das Urteil war noch nicht rechtskräftig – die Revision lief, als die Todesnacht alles beendete.

Die Spannung

Baader war kein Einzeltäter. Sein Fall steht für das ganze Dilemma des bundesdeutschen Rechtsstaats im Umgang mit dem Terror der RAF.

Der Fall Baader zeigt, wie persönliche Radikalisierung und staatliche Konfrontation in eine Eskalationsspirale mündeten.

Waren Ensslin und Baader ein Paar?

Die Beziehung zu Gudrun Ensslin

  • Baader und Ensslin waren ein Liebespaar (Wikipedia).
  • Sie lernten sich 1968 in Berlin kennen und radikalisierten sich gemeinsam (LeMO / hdg.de).
  • Die Beziehung hielt bis zum Tod; im Gefängnis kommunizierten sie über Schmuggelpost (Zeitklicks).

Einfluss der persönlichen Bindungen auf die RAF

  • Die enge Bindung zwischen Baader und Ensslin prägte die Entscheidungsstruktur der RAF (LeMO / hdg.de).
  • Beide hatten keine gemeinsamen Kinder (Wikipedia).

Was dies bedeutet: Die persönliche Dynamik verstärkte die ideologische Radikalität – ein gefährlicher Kreislauf.

Wie hat sich Ulrike Meinhof umgebracht?

Die Umstände des Selbstmords von Ulrike Meinhof

  • Ulrike Meinhof erhängte sich am 9. Mai 1976 in ihrer Zelle in Stammheim (LeMO / hdg.de).
  • Sie nutzte ein zusammengedrehtes Handtuch, das am Fenstergitter befestigt war (Deutschlandfunk Kultur).
  • Die offizielle Obduktion bestätigte Suizid (Staatsanzeiger).

Andreas Baaders Tod im Gefängnis

  • Andreas Baader erschoss sich in der Todesnacht mit einer Pistole (LeMO / hdg.de).
  • Die Waffe war nach offiziellen Angaben in seine Zelle geschmuggelt worden (Deutschlandfunk Kultur).

Gudrun Ensslins Tod

  • Gudrun Ensslin erhängte sich in ihrer Zelle mit einem Lautsprecherkabel (LeMO / hdg.de).
  • Ihr Leichnam wurde am 18. Oktober 1977 um 8:05 Uhr entdeckt (Deutschlandfunk Kultur).

Drei Todesarten – Schuss, Schuss, Erhängen – doch alle in derselben Nacht. Die Parallelität nährte von Anfang an Zweifel.

Das Paradox

Die offizielle Version spricht von koordiniertem Selbstmord. Aber wie konnten drei Personen in einem Hochsicherheitstrakt nahezu zeitgleich sterben, ohne dass Wachen etwas bemerkten?

Was ist die Todesnacht in Stammheim?

Die Ereignisse der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977

  • Nach der gescheiterten Befreiung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ nahmen die Gefangenen in Stammheim ihre Leben (LeMO / hdg.de).
  • Jan-Carl Raspe wurde um 7:41 Uhr verletzt aufgefunden und starb später im Krankenhaus (Deutschlandfunk Kultur).
  • Zwanzig Minuten später entdeckten die Wärter auch Baader und Ensslin tot (Deutschlandfunk Kultur).

Wer hat überlebt?

  • Irmgard Möller überlebte mit schweren Stichverletzungen (Deutschlandfunk Kultur).
  • Sie hatte sich nach offizieller Darstellung mit einem Messer selbst verletzt (Zeitklicks).
  • Möller bestritt später die Selbstmordversion und sprach von einem versuchten Mord (Deutschlandfunk Kultur).

Die Kontroverse um Staatsfolter

  • Gegner der offiziellen Version behaupten, die Todesfälle seien von staatlicher Seite inszeniert oder ermöglicht worden (Deutschlandfunk Kultur).
  • Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags bestätigte 1978 die Suizidthese (Deutschlandfunk Kultur).
  • Historiker wie Wolfgang Kraushaar sehen in den Vorwürfen eher einen „Mythos Staatsfolter“ (Deutschlandfunk Kultur).

Warum das wichtig ist: Die Glaubwürdigkeit staatlicher Institutionen stand und steht auf dem Spiel. Solange nicht alle Details transparent sind, bleibt ein Rest Zweifel.

Fazit der Historiker

Wolfgang Kraushaar argumentiert, dass die „Staatsfolter“-These mehr über das Misstrauen der 68er-Bewegung sagt als über die tatsächlichen Abläufe in Stammheim.

Was ist aus Gudrun Ensslins Sohn geworden?

Das Schicksal von Felix Ensslin

  • Felix Ensslin, der Sohn von Gudrun Ensslin, wuchs bei Pflegeeltern auf (Zeitklicks).
  • Er studierte später und wurde Schriftsteller und Literaturwissenschaftler (Wikipedia).
  • 2017 veröffentlichte er ein Buch über seine Mutter (Deutschlandfunk Kultur).

Die Töchter von Ulrike Meinhof

  • Ulrike Meinhofs Töchter Bettina und Regine wurden nach ihrer Verhaftung in ein Kinderheim gegeben (LeMO / hdg.de).
  • Sie leben heute weitgehend zurückgezogen (Zeitklicks).

Was wurde aus Susanne Albrecht?

  • Susanne Albrecht war ein RAF-Mitglied der zweiten Generation (Wikipedia).
  • Sie tauchte 1991 unter und wurde 1999 in Prag verhaftet (Staatsanzeiger).
  • 1997 wurde sie zu einer Haftstrafe verurteilt, später auf Bewährung entlassen (LeMO / hdg.de).

Das Muster: Die Kinder der RAF-Terroristen mussten mit einem schwierigen Erbe leben – abseits der Öffentlichkeit.

Zeitleiste: Die wichtigsten Daten

Zeitleisten-Signal

11970
  • Gründung der RAF (Wikipedia)
21972
  • Verhaftung von Andreas Baader (LeMO / hdg.de)
31975
  • Beginn des Stammheim-Prozesses (Staatsanzeiger)
49. Mai 1976
  • Selbstmord von Ulrike Meinhof (LeMO / hdg.de)
517.–18. Oktober 1977
  • Todesnacht von Stammheim (Deutschlandfunk Kultur)

Diese chronologische Abfolge unterstreicht die zunehmende Dramatik der Ereignisse, die in der Todesnacht kulminierten.

Klärung: Was ist gesichert, was bleibt offen?

Bestätigte Fakten

  • Baader starb durch Schuss (LeMO / hdg.de)
  • Ensslin erhängte sich (LeMO / hdg.de)
  • Raspe starb durch Schuss (Deutschlandfunk Kultur)
  • Möller überlebte (Deutschlandfunk Kultur)
  • Die offizielle Untersuchung bestätigte Suizid (Staatsanzeiger)

Was unklar ist

  • Ob die Tode tatsächlich Selbstmorde waren oder ob staatliche Gewalt im Spiel war (Deutschlandfunk Kultur)
  • Die genauen Umstände von Möllers Überleben – sie selbst zweifelt die Suizidversion an (Zeitklicks)
  • Wie die Waffen in den Hochsicherheitstrakt gelangten (Deutschlandfunk Kultur)
  • Ob die Kommunikation zwischen den Gefangenen in der Todesnacht koordiniert war (Zeitklicks)
  • Die Herkunft der Pistolen in Baaders Zelle ist nicht abschließend geklärt (Deutschlandfunk Kultur)

„Ich bin überzeugt, dass wir damals ermordet werden sollten. Die offizielle Version ist eine Lüge.“

Irmgard Möller, Überlebende der Todesnacht, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk (Deutschlandfunk Kultur)

„Die Staatsfolter-These ist ein Mythos, der aus dem politischen Klima der 1970er Jahre entstanden ist. Die Beweise dafür sind schwach.“

Wolfgang Kraushaar, Historiker, in einer Analyse des Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandfunk Kultur)

Die zwei Stimmen zeigen die Spannweite der Deutung – von tiefem Misstrauen bis zur nüchternen Einordnung. Für Leser in Deutschland, die mit diesem Kapitel aufgewachsen sind, bleibt die Todesnacht ein offenes Rätsel. Die Konsequenz ist klar: Wer die offizielle Version akzeptiert, muss erklären, warum drei Menschen nahezu zeitgleich Hand an sich legten. Wer sie bezweifelt, muss belegen, warum der Staat seine Gefangenen hätte töten sollen. Eine abschließende Wahrheit gibt es nicht – aber die Pflicht, die Quellen kritisch zu prüfen, bleibt für Historiker und Leser gleichermaßen bestehen.

Häufig gestellte Fragen

Warum wurde Andreas Baader verhaftet?

Baader wurde 1972 nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Frankfurt festgenommen – ihm wurden mehrere Sprengstoffanschläge und Banküberfälle zur Last gelegt (Wikipedia).

Welche Straftaten beging die RAF?

Die RAF verübte Morde, Entführungen, Geiselnahmen und Sprengstoffanschläge – insgesamt über 30 Todesopfer (LeMO / hdg.de).

Wie lange dauerte der Stammheim-Prozess?

Der Prozess gegen die RAF-Führung begann 1975 und dauerte 192 Tage (Staatsanzeiger).

Was ist der Deutsche Herbst?

Der Deutsche Herbst 1977 bezeichnet die Ereignisse rund um die Entführung von Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine „Landshut“ – Höhepunkt des RAF-Terrorismus (Deutschlandfunk Kultur).

Welche Rolle spielte Gudrun Ensslin in der RAF?

Gudrun Ensslin war Mitbegründerin und strategischer Kopf der RAF – sie plante mehrere Anschläge und galt als intellektuelle Führung (LeMO / hdg.de).

Wie viele Mitglieder hatte die RAF?

Die erste Generation der RAF umfasste etwa 20 bis 30 Kernmitglieder, die zweite Generation in den 1980er Jahren weitere 30 bis 40 (Wikipedia).

Wurden die RAF-Mitglieder jemals freigelassen?

Ja, viele RAF-Mitglieder der zweiten und dritten Generation wurden nach Verbüßung ihrer Haftstrafen entlassen – darunter etwa Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt (Staatsanzeiger).